Schwangerschaftsabbruch: Das moralische Dilemma unserer Zeit

Shownotes

Der Schwangerschaftsabbruch ist in der Schweiz rechtlich geregelt – und dennoch gesellschaftlich stark umstritten. In dieser Episode von "NZZ Tabu" geht Host Benjamin Gysler der Frage nach, warum dieses Thema weiterhin polarisiert. Passanten am Zürichsee teilen ihre spontanen Gedanken: Für einige steht die Selbstbestimmung der Frau im Mittelpunkt, für andere der Schutz des ungeborenen Lebens./

Die Folge ordnet Fakten ein: Wie häufig Schwangerschaftsabbrüche in der Schweiz tatsächlich vorkommen, wer sich dafür entscheidet und welche Lebensrealitäten hinter diesen Entscheidungen stehen. Gleichzeitig wird deutlich, dass viele verbreitete Klischees nicht der Realität entsprechen.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Rolle der Sprache. Begriffe wie „Abtreibung“, „Schwangerschaftsabbruch“, „Pro Life“ oder „Pro Choice“ prägen, wie wir über das Thema denken. Wissenschaftsredaktorin Stephanie Lartz erklärt, wie sogenanntes Framing die Wahrnehmung beeinflusst – und warum dieselbe Handlung je nach Kontext völlig unterschiedlich bewertet wird.

Gast: Stephanie Lartz – Wissenschaftsredaktorin Host: Benjamin Gysler

Suchst du Beratung? Hier sind ein paar Adressen für dich.

Transkript anzeigen

00:00:05: Was für Gedanken fallen Ihnen beim Wort Schwangerschaftsabbruch ein?

00:00:09: Mold.

00:00:10: Eine freie

00:00:11: Meinung!

00:00:17: Zwei Sätze, zwei Welten – wie entstehen diese Meinungen?

00:00:21: Welche Rolle spielen dabei Fakten unserer Sprache und unsere individuellen Werte?

00:00:27: In dieser Episode schauen wir hinter die Schlagworte.

00:00:31: Nicht nur die Passanten am Zürichsee haben eine sehr polarisierende Meinung zu diesem Thema.

00:00:37: Mädchen und Frauen sollen selbst entscheiden dürfen oder können.

00:00:41: Ich finde, kein Mann hat das Recht dazu über das Thema Abtreibung zu debattieren.

00:00:48: Ich glaube wenn man allknotig ist und sich dazu entscheidend schlecht verkehrt haben muss man auch in der Lage sein, ein Kind

00:00:54: auszutragen

00:00:55: und uns auf die Welt zu bringen.

00:00:57: Dass es ein politisches Thema ist, wo emotional extrem aufgeladen ist?

00:01:02: Ich finde aber auch abtreibungen darf keine Form der Verhütung sein!

00:01:07: Ich meine, eine Frau kann selber bestimmen und entscheiden.

00:01:10: Und dann sollte man von aussen auch nicht reinreden.

00:01:16: Willkommen zu Enzozett Tabu, dem Podcast der über die Themen redet, über die nicht alle gerne reden!

00:01:23: Mein Name ist Benjamin Gisler.

00:01:25: Wir sprechen heute über ein Thema das in der Schweiz zwar rechtlich geregelt aber gesellschaftlich immer noch umstritten ist Der Schwangerschaftsabbruch Was viele nicht wissen.

00:01:41: Bis Zwei-Tausendzwei war die Abtreibung laut Strafgesetzbuch von Neunzehn-Zweinvierzig grundsätzlich strafbar, außer wenn die Schwangerschaft für die Frau gefährlich wurde.

00:01:51: Erst die Volksabstimmung zur Fristenregelung brachte mit seventy-kommer zwei Prozent Ja-Stimmen die heutige Freiheit.

00:01:59: Bis heute steht die Festlegung des Schwangerschaftsabbruchs im Strafgesetzbuch der Schweiz im Artikel Hundertundachzehn.

00:02:07: Dort heißt es, dass Schwangerschaftsabbrüche bis zur zwölften Woche mit Absprache eines Arztes legal sind.

00:02:15: wenn ca.

00:02:18: von zwanzigtausend Frauen füllen würden, dann werden ungefähr hundertsechzig Frauen dort im Verlauf ihres Lebens einen Schwangerschaftsabbruch durchgemacht

00:02:47: haben.".

00:02:48: Die Abtreibungsrate variiert dabei vom Kanton zu Kanton.

00:02:53: In Zürich liegt die Rate bei acht Komma fünf in Genf bei neun während sie im Tessin nur fünf Komma eins von tausend beträgt.

00:03:03: Im Vergleich zum Ausland hat die Schweiz sehr tiefe Zahlen.

00:03:07: Vierundneinzig Prozent dieser Eingriffe finden innerhalb der Essen zwölf Wochen statt.

00:03:12: Die meisten davon brauchen keine Operation, sondern werden einfach medikamentös durchgeführt.

00:03:19: Fünfzig Prozent also jede zweite Frau die in der Schweiz eine Schwangerschaft abricht ist zwischen dreißig und vierundvierzig Jahre alt.

00:03:27: Das bricht komplett mit dem Klischee den ganz jungen verzweifelten Frauen, die wir oft vor Augen haben.

00:03:34: Ich meine Wir reden hier von Frauen die oft fest im Leben stehen und trotzdem sagen sie, es geht gerade nicht.

00:03:42: Aber warum?

00:03:47: Die Antwort liegt in der harten Statistik der Lebensrealitäten.

00:03:52: Bei vielen Frauen sind das biografische Gründe Das heißt, die Ausbildung ist noch nicht fertig Man möchte noch reisen oder das Leben war schlichtweg anders geplant.

00:04:03: man will nicht nochmal ganz von vorne anfangen.

00:04:06: bei anderen Frauen ist es die Überlastung.

00:04:09: Das sind oft Frauen, die schon Kinder haben und beruftätig sind oder als Alleinerziehende bereit zum Limit laufen.

00:04:17: Ein weiteres Kind wäre hier schlicht und einfach zu viel.

00:04:20: Andere Gründe sind Probleme mit den Partnern und finanziellen Sorgen.

00:04:25: Aber was zeigen uns diese Zahlen?

00:04:27: Die dramatischen Fälle über die wir in Tagstalls oft streiten wie Vergewaltigung oder medizinische Notfälle machen zusammen nicht mal vier Prozent aus.

00:04:38: Frauen entscheiden sich nicht leichtfertig gegen ein Leben, sondern oft für einen Weg den sie kräftemäßig und finanziell überhaupt noch bewältigen können.

00:04:49: Und die Gesellschaft macht das nicht leichter!

00:04:52: Das hat auch damit zu tun wie wir über Schwangerschaftsabbrüche sprechen.

00:05:01: Wie beeinflusst denn unsere Sprache unserer Ansichten?

00:05:05: Sprache formt unsere Wahrnehmung.

00:05:07: Nutze ich jetzt das Wort Abtreibung oder Schwangerschafzappruch

00:05:12: Schwangerschaftsabbruch.

00:05:14: Ich finde, das klingt wie etwas netter als Abtreibung.

00:05:17: Das ist dann

00:05:18: so brutal!

00:05:20: Schwangersschaftsabbrauch... Wie es halt schöner klingt?

00:05:24: Abtreiben klingt so wie als würdest du es abschieben.

00:05:28: Abbrauchen klingt weniger... Es klingt wenig erhält.

00:05:31: Ich wäre schon einer für Schwangerschafter Abbrauche als für Abtreibe, weil ich glaube mit Vokabular prägt man Politik und trägt man das Bewusstsein der Leute.

00:05:44: Abtreiben tönt es sehr nach, wie amelart das Wesen, was am wachsen ist in Nirwana verschwindet.

00:05:55: Im journalistischen Bereich nutzen wir das Wort Framing.

00:05:58: Es bedeutet, wie wir einen Rahmen um ein Thema setzen.

00:06:02: Nennen wir es Lebensschutz, fokussieren wir auf den Fötus.

00:06:06: Nennen wir es reproduktive Rechte fokussieren wir uns auf die Autonomie der Frau.

00:06:12: Das sieht auch unsere Wissenschaftsredaktorin Stefanie Lahrz.

00:06:16: Also ich glaube Framing verändert immer den Eindruck, weil es geht immer um die Tatsache in welchen Kontext stelle ich ein Erlebnis oder jetzt in dem Fall eine Abtreibung?

00:06:28: Wenn ich von einer Frau erzähle, die vergewaltigt wurde völlig verzweifelt ist die noch im Krankenhaus liegt, weil sie ihre Wunden behandeln lassen muss von dieser Vergewaltigung.

00:06:38: Und dann feststellt es sich auch noch schwanger wird wahrscheinlich jeder sagen ja klar das ist so ein schlimmer Fall.

00:06:43: natürlich müssen wir diese Frau helfen.

00:06:46: deswegen ist die Frage in welchen Kontext stelle ich die Geschichte?

00:06:48: Ich kann genauso gut die Schichtgeschichte erzählen und sagen ja da ist eine Mutter Mitte dreißig hat schon drei Kinder.

00:06:55: jetzt hat sie halt nicht aufgepasst oder sie wollte einfach die Pille nicht mehr nehmen und Kondome waren jetzt irgendwie auch gerade keine mehr in der Schublade.

00:07:02: Oh, es ist so schwanger geworden.

00:07:04: und jetzt sagt sie, nee das ist mir echt zu viel.

00:07:06: Das schaffe ich nicht mehr.

00:07:07: Ich müsste auch ein größeres Auto

00:07:08: kaufen.".

00:07:09: Und dann wird jeder sagen hey das ist verantwortungslos!

00:07:12: Und das finde ich schon.

00:07:13: dieses Beispiel zeigt dass man durch Framing wie man den Kontext baut ist dieselbe Handlung.

00:07:19: die Abtreibung kriegt eine komplett andere Bedeutung

00:07:23: Aber Framing bewirkt noch etwas gefährlicheres Es polarisiert.

00:07:29: Mittlerweile ist die Abtreibung ein polarisierendes Thema, welches in der Politik genutzt wird um Menschen zu sparten.

00:07:37: Durch Begriffe wie Pro-Life und Pro-Choice werden zwei unversöhnliche Lager erschaffen.

00:07:43: Es gibt immer diese zwei Seiten, die einen auf Selbstbestimmung der Frau pochen und die andere Seite, die sagt jede Abtreiberung ist Mord.

00:07:54: Und ich glaube, diese beiden Begriffen sind schon auch die... und die es eigentlich in dieser ganzen Debatte geht.

00:08:00: Und das sind zugleich auch die Begriffe, die am meisten polarisieren.

00:08:05: Man ist entweder für das Leben oder für die Freiheit selber entscheiden zu können.

00:08:11: Diese Polarisierung lässt uns keinen Raum vergrauthöne.

00:08:14: Sie zwingt uns eine Seite zu wählen um macht es fast unmöglich vernünftig miteinander zu sprechen.

00:08:21: Wer pro life hört denkt oft an religiöse Dogmen.

00:08:25: Wer pro choice hört dem wird manchmal unterstellt, das Leben nicht zu achten.

00:08:30: In dieser schwarz-weißen Welt gehen die individuellen oft sehr komplexen Geschichten der betroffenen Frau verloren.

00:08:42: Doch egal welches Wort wir wählen – Abtreibung oder Schwangerschaftsabbruch wie offen sprechen wir wirklich darüber?

00:08:50: Interessante Weise zeigt sich in Umfragen und Gesprächen.

00:08:53: viele Menschen empfinden es nicht mehr als Tabuthema aber Zwischen dieser theoretischen Offenheit und dem Gespräch am eigenen Küchentisch liegt oft eine tiefe Kluft.

00:09:05: Das Thema in abstrakter Form ist kein großes Tabu, ich glaube aber dass wenn eine Frau wirklich vor der Entscheidung steht das sie durchaus dann in ihrem privaten Umfeld oftmals Probleme hat weil es schon so etwas ist.

00:09:23: Ja, man weiß das es gibt.

00:09:24: Man weiß dass es da eine gesetzliche Regelung gibt aber eigentlich so richtig möchte dann jetzt doch keiner sich damit auseinandersetzt weil ich glaube da ist schon immer noch ein bisschen dieses Schmutz-Image dabei.

00:09:40: Aber warum fällt es uns im privaten Bereich trotzdem so schwer?

00:09:44: Sobald Worte wie Sex oder Mord fallen oder die Moral ins Spiel kommt wird es persönlich schmerzhaft.

00:09:50: In der Familie oder im Freundeskreis haben viele Angst, dass das Bild das andere von ihnen haben Risse bekommt.

00:09:58: Man will nicht als diejenige gelten, die diese Entscheidung treffen musste.

00:10:05: Es ist wahrscheinlich ein schwieriges Thema aufzubringen.

00:10:08: man weiß nie wie seine Nächsten darauf reagieren werden.

00:10:11: Ja ich finde wir sollten

00:10:15: es etwas mehr machen.

00:10:17: Ein Tabu ist es, dass man nicht darüber reden sollte.

00:10:24: Aber eigentlich sollte man mehr offen darüber reden.

00:10:28: Und da wird das Paradox!

00:10:31: Während die Gesellschaft liberaler wird fühlen sich die betroffenen Frauen oft trotzdem isoliert.

00:10:37: Es entsteht ein privater Schweigebereich.

00:10:40: Man hat zwar das Recht aber man hat nicht immer das Gefühl den Rückhalt zu haben.

00:10:48: Doch genau hier ist es wichtig zu wissen Niemand muss diese Isolation aushalten.

00:10:55: In der Schweiz gibt es Dutzende von Hilfs- und Beratungsstellen.

00:10:59: Organisationen wie zum Beispiel ProFemina bieten schwangeren Frauen in Not professionelle und vertrauliche Beratung an.

00:11:07: Sie schaffen den Raum, den das private Umfeld manchmal nicht bieten kann.

00:11:12: Ohne Verurteilung darf ihr mit echter Unterstützung Wenn ihr eine solche Stelle sucht.

00:11:18: wir packen euch links in die Show Notes.

00:11:21: Wenn es um das Thema Schwangerschaftsabbruch geht, reden wir oft aneinander vorbei.

00:11:30: Es ruft bei mir immer hervor, dass das Kind stirbt!

00:11:35: Frau soll dürfen selber über ihre Körper entscheiden?

00:11:40: Hier prallen zwei absolute Ansprüche aufeinander.

00:11:44: Auf der einen Seite steht die Idee der Heiligkeit des Lebens Die Annahme, dass ein Fötus von Beginn an eine Person mit eigener Würde und vollem Recht auf Schutz ist.

00:11:56: sieht man das so, weder Schwangerschaftsabbrüche gut zu heißen.

00:12:01: Auf der anderen Seite steht aus Recht auf körperliche Souveränität – die Überzeugung dass kein Mensch dazu gezwungen werden kann seinen Körper als Ressource für ein anderes Leben zur Verfügung zu stellen egal wie schützenswert dieses Lebens sein mag.

00:12:18: Das Problem ist beide Positionen sind in sich logisch und man kann sie ethisch begründen.

00:12:24: Wir reden deshalb aneinander vorbei, weil wir uns nicht einig sind, Wessenrechte in diesem Moment schwerer wiegen.

00:12:31: Es ist ein echter moralischer Konflikt!

00:12:34: Es geht um die Frage wo die Grenze unserer Freiheit liegt und welche Verantwortung wir gegenüber potenziellem Leben tragen.

00:12:42: Eine Antwort darauf findet man seltenen Gesetzen sondern meist nur in den eigenen tief verwurzelten Werten.

00:12:54: Meinungen entstehen durch Fakten Aber eben auch durch unsere persönliche Geschichte und die Sprache, die wir wählen.

00:13:01: Wie steht ihr dazu?

00:13:03: Sind Schwangerschaftsabbrüche ein Tabu oder ein Grundrecht?

00:13:07: Schreibt uns doch eine Mail an tabuatnz.ch.

00:13:13: Wenn euch diese Folge gefallen hat.

00:13:15: – Die NCZ hat viele weitere Podcasts!

00:13:18: Ich packe euch die Links in die Shownotes.

00:13:20: Mein Name ist Benjamin Gisler, mach jetzt gut.

Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.