Gegen das Klischee
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00:00:00: Mein Name ist Alba Masrikay und heute lese ich mein erstes Essay vor, das ich für das NZZ am Sonntag-Magazin geschrieben habe.
00:00:08: Gegen das Klischee.
00:00:10: Ein persönlicher Textar rüber, wie ich mich lange von meiner albanischen Herkunft distanziert habe, weil ich glaubte, dem gängigen Bild eines albanischen Mannes nicht zu entsprechen.
00:00:21: Und wie ausgerechnet mein Queer sein, mich meinen Wurzeln wieder nähergebracht hat.
00:00:28: Jedes Mal, wenn ich ein Uber bestelle, hoffe ich, dass der Fahrer kein Albaner ist.
00:00:33: So auch jetzt.
00:00:34: Es ist sechs Uhr morgens, ich stehe nach einer durchtanzenen Nacht im Zürcher Regen und schaue auf mein Handy.
00:00:41: Falls er Albaner ist, läuft das Gespräch immer gleich ab.
00:00:48: Ich steige ein, es folgt brüterlich die Frage, ah, ihr seid da?
00:00:53: Und jedes Mal antworte ich, ja, aber, ja, ich bin Albaner, aber ich spreche kein Albanisch.
00:01:00: Und sofort verändert sich der Ton von Brüderlich zu leicht enttäuscht.
00:01:04: Wie kommt denn das?
00:01:06: Fast, schwingt ein Vorwurf mit.
00:01:09: Mein Vorname verrät mich schon in der Taxi-App und es ist nicht irgendein albanischer Name, sondern Albern.
00:01:15: Mein Vater gaben mir um seinen Stolz auf unser Herkunftsunterstreichen.
00:01:19: Doch der Name, der vermeidlich albanisch klingt, ist eigentlich Lateinisch und bedeutet Weiß.
00:01:25: Weiß wie der Schnee in den Schweizer Alpen, den ich als Kind jeden Winter mit meinen Vater und meinen Brüdern unter den Ski wegkaufte.
00:01:32: Auch die Sommer führte uns nie in das Herkunftsland meines Vaters.
00:01:36: Meine Mutter, eine gebürtige Griechen, brachte uns Kinder in ihrer Heimat, den Peloponnes.
00:01:41: Einen ruhigen Ort mit endlosen Sandstränden, wo meine Großeltern eins lebten, bevor sie für ein besseres Leben in die Schweiz zogen.
00:01:49: Der Kosovo hingegen blieb ein Blinderfleck auf meiner inneren Landkarte.
00:01:54: Und die Tatsache, dass ich schwul bin und nicht dem geringen Männerbild eines Kosovalwarners entspreche, leicht proletenhaft unterwegs im BMW, begleitet von lauten albanischen Sprüchen, war nicht unbedingt hilfreich, meine Verbindung zu diesem Land aufzubauen.
00:02:09: So dachte ich lange, doch es kam anders.
00:02:13: Am rechten Zürich sehr aufgewachsen, fühlte sich meine Familie gut situiert, vielfältig und modern an, nicht wie eine typische Migrantenfamilie.
00:02:22: Mein Vater war Unternehmer, meine Mutter ist eine rechte Hand und Fulltime Mama.
00:02:26: Heute würden wir als Experts durchgehen.
00:02:28: Wir waren manchmal Schweizerisch, manchmal Griechisch, oft liberal international.
00:02:33: und gelegentlich auch ein bisschen ausländisch.
00:02:36: Alles, aber wirklich nie albanisch.
00:02:39: Dabei, was hieß das eigentlich?
00:02:43: Es war ein Wort für mich ohne Bedeutung und gleichzeitig eines, das mich unzulänglich beschrieb.
00:02:48: Dabei spürte ich eine Sehnsucht in mir nach diesem unbekannten Teil meiner Herkunft.
00:02:54: Mir fehlte nicht nur die Verbindung zum Kosovo, sondern auch die Verbindung zur albanischen Sprache.
00:02:59: Meine Mutter lehrte mich griechisch, mein Vater sprach mit mir gebrochenes Hochdeutsch.
00:03:04: und untereinander verständigten sich meine Eltern auf Englisch.
00:03:08: Eine Sprache, die nur Brücke war, nie zu Hause.
00:03:12: Das Albanische blieb ein ferner Schatten, der Koso, eine Vagerinnerung an Erzählungen meines Vaters.
00:03:19: Oft fragte ich mich, wie ich eine Verbindung zu diesem Teil meiner Identität aufbauen könnte und was nebst dem Geburtsort meines Vaters albanischer mir war.
00:03:29: Noch komplizierter wurde es, als ich mich im Studio mit meiner Sexualität auseinandersetzte.
00:03:34: Meine Mutter erzählt dich bald von meiner Homosexualität, meinem Vater es Jahre später, als ich in meiner ersten Beziehung war.
00:03:41: Das lag weniger an unserer Herkunft als an ihren unterschiedlichen Rollen als Eltern.
00:03:46: Beide reagierten zu, wie es sich jedes Kind beim Outing wünscht, voller Liebe und Verständnis.
00:03:55: Schwer fehl es mir hingegen mit albanischen Kommilitonen freundschaftlich anzubandeln.
00:04:00: Ich fürchte gleich mehrfach nicht zu genügen.
00:04:03: Als Halbalbane ohne Sprache.
00:04:05: Aus queerer Mann namens Alvon.
00:04:08: Dabei waren meine neuen Komilitonen gar nicht so anders als ich, integriert, gebildet, progressiv.
00:04:15: Aber sie sprachen albanisch zu Hause, und das schürzte mich ein.
00:04:19: Vielleicht würde ich einen Zugang zum albanischen über das Daten finden, denn wenn etwas im Leben schnell geht, dann Online-Dating zwischen zwei Männern.
00:04:27: Aber ich musste lernen, nicht zwischen zwei Männern mit albanischen Wurzeln.
00:04:31: Und ja, es gibt viele davon in der Schweiz.
00:04:34: Die Suche nach Romantik war in Krampf, Profile in den Dating-Apps ohne Gesicht, die Angst vor einem Treffen in der Öffentlichkeit, Margeauhaftes Gehabe, um das Schwulsein zu kaschieren.
00:04:46: Ich hatte mich unter albanischen Hetero-Männern, die sich im konservativen Männerbild gefielen, schon fehl am Platz gefühlt.
00:04:53: Schwule Albaner verstärkten mein Unwohlsein noch.
00:04:56: Männer, die vor lauter Misstrauen kamen echt sein konnten.
00:05:02: Ich begann, mich grundsätzlich von Albaner fernzuhalten.
00:05:05: Und trotzen blieb der Zweifel, lag das Problem vielleicht doch eher bei mir?
00:05:10: Oft höre dich von Schweizern, ob bei der Arbeit oder beim Daten, du bist der erste Albaner, den ich treffe, der normal ist.
00:05:17: Normal also.
00:05:19: Ein Kompliment, das sich wie ein Schlag ins Gesicht anfühlte.
00:05:22: Und doch genau das spiegelte, was ich oft dachte, dass ich nirgends wirklich dazugehöre.
00:05:28: Meine Sehnsucht nach dem Albanischen wurde noch größer.
00:05:34: Nach meinem Studium wechselte ich den Job und traf auf einen Kollegen mit Albanischen Wurzeln.
00:05:39: Er war Hobby-Schriftsteller, der Sohn eines Künstlers und jemand, mit dem ich nach der Arbeit stundenlang philosophieren konnte.
00:05:46: Er war der erste albanische Freund, mit dem ich offen und ohne mich zu schämen, für was ich bin, über alles reden konnte, was mich beschäftigte.
00:05:55: Und obwohl ich mich durch ihn nicht albanischer fühlte, begann sich meine Wahrnehmung, unsere gemeinsamen Wurzeln allmählich zu ändern.
00:06:04: Vor drei Jahren begann ich, mich beim Pink Apple Film Festival zu engagieren.
00:06:09: Ich verspürte den Wunsch, der Queer in Community etwas zurückzugeben und neben meinem Beruf künstlerisch aktiver zu werden.
00:06:16: Deshalb traute ich dem Organisationsteam bei.
00:06:19: Der Zufall wollte es, dass der kosovarische Dokumentarfilm, es aber was looking above, I could see myself underneath, vom Schweizer Kosovarischen Regisseur Ilyar Hassanei ins Programm aufgenommen wurde.
00:06:32: Der Film protetierte queere Personen im Kosovo.
00:06:35: Im Anschluss an den Film sollte seine Podiumsdiskussion über albanisch und queer sein in der Schweiz geben.
00:06:41: Die Festivalleitung fragte mich, ob ich Gäste für das Gespräch finden könnte.
00:06:46: Zunächst zweifelte ich.
00:06:48: Doch ein Aufruf auf meinem privaten Instagram-Profil führte schnell zum Erfolg.
00:06:53: Schließlich fand ich zwei außergewöhnliche Menschen, die sich bereiterklärten, mit mir die Bühne zu teilen.
00:06:58: Ein schwulerlediger Mann und eine lesbische Frau, die gemeinsam mit ihrer Partnerin ein Kinder zieht.
00:07:04: Es war ein Sonne-Gerfrühlings-Tag.
00:07:06: Perfekt für den ersten Ausflug an den See, oder ein Picknick auf der Wiese, nicht aber unbedingt für ein Kinobesuch.
00:07:13: Der Saul war trotzem voll.
00:07:15: Der Film zeigt ein älteres Queerspaar aus Christianau, aber auch jüngerer Menschen, in denen ich mich wiedererkannte.
00:07:22: Etwa in einem Jungen, der sich als Mädchen kleidete.
00:07:26: Auch wenn ich heute mit meiner Männlichkeit im Rhein bin, sah ich mich in ihm.
00:07:31: Ich ließ mich beim Moderieren von den Gefühlen leiten, die der Film in mir erweckte.
00:07:35: Meine Gäste öffneten sich.
00:07:37: Ihre Stimmen verrieten ihre Aufregung und im Publikum hörte man Schluchzen, Applaus und erleichtertes Aufatmen.
00:07:45: Als wäre dieser Abend ein Ventil, auf das so viele gewartet hatten.
00:07:52: Als sich die Fragerone eröffnete und das Mikrofon zirkulieren ließ, fingen einige an zu weinen.
00:07:58: Das Schönste geschah danach.
00:08:00: Menschen begannen sich auszutauschen.
00:08:01: Viele bedanken sich.
00:08:03: Dankbarkeit und Anstand sind Werte, für die die albanische Kultur bekannt ist.
00:08:07: Und an diesem Abend spürte ich eine Verbindung zu meiner Herkunft.
00:08:10: Nachdem ich mich so viele Jahre vor allem daran fokussiert hatte, was mich nicht albanisch macht, sah ich plötzlich eine Brücke zwischen mir und dieser Kultur.
00:08:19: Für manche der Anwesenden war das der erste Kontakt mit anderen queeren Menschen aus der albanischen Community.
00:08:25: Für mich war es, abgesehen von meinem einzigen albanischen Freund, das erste Mal, dass ich mich in einem Kreis von Albanern wirklich wohl fühlte.
00:08:34: Durch das Festival entstanden neue albanische Freundschaften, Menschen, mit denen ich seither am jährlichen Kinokuso-Festival albanische Filme schaue, oder auf Konzerte von Popstars wie Yulimani in der Zyka-Albana Aglodisco Rinoa Fiergehe.
00:08:50: An albanischen Partys wie Presi Ün entdeckte ich, dass es eine ganze Generation albanischer Hipster gibt, die mir im Denken, Stil und in der Haltung näher ist, als ich es je für möglich gehalten hätte.
00:09:03: Ein kreisalbanischer Bekanter wuchs.
00:09:05: Meine Situationen wurden positiver.
00:09:08: Schließlich entschied ich mich dazu, den Kosovo zu besuchen.
00:09:12: Neun Jahre waren vergangen, seit ich das erste und einzige Mal dort gewesen war.
00:09:17: Damals nur ein Wochenende als Tourist, ohne Verwandte, ohne Haus, ohne wirkliche Erinnerung.
00:09:24: Diesmal war es anders.
00:09:26: Ich reiste mit Empfehlungen von Freunden, saß in Bars, in der ich sofort ins Gespräch kam und spürte, hier musste der mich niemand.
00:09:34: Hier war ich willkommen.
00:09:36: Ich haus zum ersten mal im traditionellen Restaurant Tiffany in Pristina zu Abend, auf dem Teller Spetsame Mars, Peperoni in Raumsauce, ein Gericht, das meine Mutter schon in Zürich kochte.
00:09:49: Plötzlich verbanden sich die Linien, meine Großmutter, die es ihr beigebracht hatte, meine Schweizer Kindheit, meine albanische Herkunft.
00:09:57: In diesem Bissen lag meine Heimat.
00:10:06: Zuhause in Zürich bestelle ich mir ein Uber.
00:10:09: Wieder einmal ist es spät geworden.
00:10:11: Es denke ich mir nichts dabei, doch als ich den Namen des Fahrers lese, flüste ich vor mir her, here we go again.
00:10:19: Er spricht mich auf Albanisch an, da er kein Deutsch kann und ich kam Albanisch, wechseln wir ins Englische.
00:10:26: Er sei Albaner aus Griechenland, erzählt er, wo wir auf jeden unser Gespräch auf Griechisch fortsetzen.
00:10:32: In der achtminütigen Fahrt nach Hause vergleichen wir Albaner mit Griechen, Griechen mit Schweizern und Schweizern mit Albanern.
00:10:39: Wir tauschen Annektoten aus, lachen über falsche Klischees und wahrer Eigenheiten und finden Vor- und Nachteile in allen drei Kulturen.
00:10:47: Als ich aussteige, fühle ich mich unerwartet leicht.
00:10:51: Manchmal ist es ein Film, der eine neue Welt eröffnet und sementierter Vorstellungen springt.
00:10:57: Manchmal reicht eine achtminütige Taxifahrt, um zu spüren, wie die Welt ein kleines bisschen näher rückt.
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